Über das Loslassen der alten Werte

Sonntagabend, Nachrichten:

Die Wirtschaftskrise in Italien hat zu einer noch nie dagewesenen Jugendarbeitslosigkeit geführt. Folge daraus ist eine Rekordauswanderung, vor allem nach Großbritannien. Kanada, Deutschland, Frankreich aber auch in den arabischen Raum. Im Jahr 2016 sind fast 300.000 Menschen von Italien weggegangen und jeder dritte davon hat zumindest einen akademischen Titel erworben. Jüngste Zahlen zeigen, es sind fast so viele wie damals in der Nachkriegszeit. Und immer weniger kehren zurück. Wenn das Heimatland keine Perspektiven mehr bietet, sind es vor allem die Jungen, die ihr Glück im Ausland versuchen. Innovative verlassen also das sinkende Schiff, zurück bleiben Systemerhalter, die den altbewährten Durchschnitt am Laufen halten. Und das betrifft leider nicht nur Italien.

ORF Italien Immigration Report 2016
Italien – Immigration Report 2016

In Genua haben sich bei einem öffentlichen Bewerbungsverfahren an die 12.000 (!!!) meist junge Menschen für gerade mal 200 Krankenpfleger-Stellen beworben. Nicht, dass es zu wenige Pflegefälle in der 600.000 Einwohner-Metropole Genua geben würde, aber der Staat will oder kann das Budget dafür nicht bereitstellen.

ORF Genua Bewerbungsverfahren für 200 Krankenpfleger-Stellen
Genua – Bewerbungsverfahren für 200 Krankenpfleger-Stellen

Was mich am meisten an dieser Situation wundert, ist, dass selbst im Jahr 2017 der überwiegende Teil an jungen Menschen immer noch die Sicherheit einer Festanstellung als das höchste Ziel im Leben anstreben. Dabei ist es doch schon seit Jahren kein Geheimnis mehr, dass sowohl ein sicherer Arbeitsplatz als auch eine wohlverdiente staatliche Alterspension in angemessener Höhe nur noch Illusionen sind, die von den Vertretern der traditionellen Arbeitsstrukturen mit allen zur Verfügung stehenden Mittel erhalten werden um die einst erworbene Macht nicht zu verlieren. Zumindest jetzt noch nicht.

Wir kündigen! Und definieren das Land neu

Bereits im Jahr 2007, also schon vor über 10 Jahren, kurz vor dem Ausbruch der letzten großen Wirtschaftskrise, die hunderttausenden Menschen weltweit den Arbeitsplatz kostete, erschien das meiner Meinung nach meist unterschätzte literarische Kritik- und Reformwerk zur Arbeits- und Lebensgestaltung.

Vier bekannte Publizisten,  Dagmar Deckstein (Süddeutsche Zeitung), Peter Felixberger (changeX), Michael Gleich und – einer meiner persönlichen Lieblingsautoren – Wolf Lotter (brandeins), vereinen in „Wir kündigen! Und definieren das Land neu“ ihre 26 Essays über Themen von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft. Ein meisterlich gestalteter Weckruf für all jene, die in der Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit der heutigen Gesellschaft feststecken. Arbeit und Erfolg, Leistung und Wohlstand, Entscheidung und Risiko, Reform und Fortschritt, Bildung und Ausbildung – alles  Schlagworte, die nach einer zeitgemäßeren Neudefinition verlangen.

Wir kündigen! Und definieren das Land neu
Wir kündigen! Und definieren das Land neu

Doch Vorsicht: Dieses Buch/Hörbuch kann euer Leben verändern!

Am 21. November 2009 (laut Amazon-Bestellhistory) bestellte ich mir aus Neugier die Hörbuch-CDs ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, dass sich einige der Denkanstöße so fest in meinem Kopf einpflanzen werden, dass ich zweieinhalb Jahre später meinen gut bezahlten und sicheren Job kündigte und fortan auf der Suche nach meiner Passion und neuen Lebensgestaltung bereits etliche Etappen beschritt. Dieses Hörbuch gab meiner Orientierungslosigkeit eine Richtung und fasste meine Unzufriedenheit in Worte. Es ergänzte meine eigenen, losen Erfahrungen mit zahlreichen Beispielen anderer und zeigte die Einfachheit, zuvor als unvorstellbar empfundener Lösungswege auf. Einfach. Genial.

Es gibt keine “Work-Life-Balance”. Alles ist Leben!

brand eins: Loslassen

Ebenso genial finde ich die aktuelle Ausgabe von “brand eins: Loslassen

brand eins Loslassen

Wenn heutzutage ein Anfang Zwanzigjähriger die angefangene Ausbildung schmeißt oder die eben erst begonnene Arbeit aufgibt um sich auf die Suche nach Selbstverwirklichung zu begeben, scheint niemand mehr davon besonders beeindruckt zu sein. Das liegt wohl auch daran, dass sich der heutigen Wohlstands-Generation im Falle des Scheiterns am Weg zum inneren Selbst, meist immer noch die Rückkehr in den sicheren Schoß der besorgten Familie bietet.

Aber immer öfters fragt sich die Generation 40Plus, ob das denn nun schon alles gewesen sei, was dieses Leben zu bieten hätte. Einerseits hat diese Altersgruppe zwar oft den Vorteil finanzieller Reserven nicht nur für den Notfall, andererseits ist es aber umso schwerer, sich von langjähriger Berufserfahrung zu lösen und im schlimmsten Fall nochmal ganz von vorne beginnen zu müssen. Das war auch bei mir der Fall. Der Erfolg eines derartigen Vorhabens hängt in erster Linie vom Level der Frustration über den Status Quo ab, denn sollte die geplante Lebensumstellung in die Hose gehen, bleibt oft nur die Erfahrung des harten Aufschlagens am Boden der Realität.

Im Prolog beschreibt es Wolf Lotter so treffend: Wer klammert, verliert. Loslassen ist nicht das Ende, sondern der Anfang von allem.

“Wir sind eine wohlhabende, hoch entwickelte Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, Abschied zu nehmen von dem, woran ihr so wenig liegt – weil sie nichts Besseres kennt, was sie an diese Stelle rücken könnte. Die Erfolge von gestern haben eine magische Anziehungskraft, überall ist Retro, Schönrederei, eine rückwärtsgewandte Politik, die das Gegenteil von Entwicklungsfähigkeit zeigt.”

Beruf, Identifikation und Status – Nicht die Definition auf Wikipedia selbst, sondern die dahinter liegende Wahrheit stimmt mich traurig. Der berufliche Status gilt als der beste Einzelindikator für den sozialen Staus einer Person, das bedeutet also, ohne Job bist du rein gar nichts (wert).

“Wer Beruf immer noch als Berufung denkt, ist dabei vergleichsweise fein raus. Aber das tut kaum jemand. Der Beruf ist, in dieser Arbeitsstruktur, fast untrennbar mit der Organisation verwoben, in der die dazugehörige Tätigkeit ausgeübt wird. Aber das ist ein geliehenes Leben. Man merkt das schnell, wenn man entlassen wird oder gekündigt, also die Leinen gekappt werden. Oder wenn man in Rente geht. Dann stellt sich heraus, was die Sicherheitsleine wirklich war: eine Kette, deren Reißen einem den Boden unter den Füßen wegzieht.”

„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.“ – John Maynard Keynes

Vielen Dank!

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